Wie ein Gallisches Dorf
von Christian Batzlen
Das ganze Gelände der Münchner Kultfabrik ist vom Mainstream besetzt. Das ganze Gelände? Nein! Ein kleiner Nachtflohmarkt in der TonHalle leistet dem Einheitsbrei entschieden Widerstand. Seine Waffen: Indie, Alternative, Folk. Nur kein Elektro – Der „nachtkonsum in der TonHalle“.
„…take my hand and we find a way to work things ouuut!“ Oben auf der Galerie, im Barbereich mit Biertischgarnituren, überrollt donnernder Beifall die Bühne. „Danke“, haucht die 21-jährige Sängerin Theresa Chanson ins Mikrofon. Mit ihrer frechen Zahnlücke, dem orangefarbigen Holzfällerhemd und der lauten E-Gitarre wirkt die Schwabingerin selbstbewusst und stark. Ihr Gesang hingegen weich und einfühlsam.
Sie, der Country-Folk Sänger Jason Serious und zwei weitere Bands schenken an diesem Abend dem „Nachtkonsum“ seinen eigenen Charme. Theresa begeistert auch Paul. Er ist Brite, seine Frau Andrea Münchnerin. Ihr dritter Flohmarkt sei es heute, aber ihr erster Nachtkonsum überhaupt. „Beer, Live Music, Toiletten, Dach, Wärme“ Draußen sind es sechs Grad minus. Er nickt, nimmt einen kräftigen Schluck Bier und reißt die Arme hoch. „Yeah, it’s different!“ Das scheint den beiden zu gefallen. „Ich gruschtl’ lieber und will meine Schnäppchen anfassen, etwas erleben!“, bestätigt Andrea. Bei Ebay wühle doch nur der Finger auf der Maus. Auf dem Flohmarkt die ganze Hand. Sie schaut zu Paul. „Manchmal auch der Kopf oder der Fuß, manchmal auch der ganze Bauch“ Beide prusten laut heraus. Es ist nicht ihr erstes Bier. „Was Ebay nicht kann, sind G’schichten erzählen“ Sie greift hinter sich, holt eine Heintje-Platte hervor und seufzt: „Ich hab ihn damals in Ruhpolding gesehen und war verliebt“.
Eine Beziehung auf Lebenszeit
Eine Beziehung auf Lebenszeit
„Zwar innen mit rotem Velours versehen, aber leider keine Kondome drin junger Mann“ Als habe er es überhört, legt der Bursche das Brillenetui zurück, zieht die Augenbrauen leicht zusammen und schielt zu seiner Freundin.
Die schmunzelt nur. „Keine Angst, bei euch läuft später trotzdem was“ schiebt Wolfgang hinterher und zwinkert ihr zu. Sie grinst, er grinst zurück. Sechs Euro und das Etui ist verkauft. „Die sind schon locker drauf, die Zwanziger von heute“, sagt er, „nicht so verbohrt wie die Alten!“, und streichelt sich genüsslich seinen grauen Oberlippenschnauzer wieder glatt. Wolfgang ist 60 Jahre, frühpensioniert, Trödler und leidenschaftlicher Flohmarkturlauber. „Über Frankreich und Spanien, bis an die Algarve, sogar ins kommunistische Budapest sind wir in den Achtzigern gereist. Samstag hin, Sonntag zurück“ Er denkt kurz nach und lacht herzlich. Dass sein unterster Jackenknopf dabei aufgeht, bemerkt er nicht. 25 Stunden Autofahren – alles für einen Flohmarkt. Wolfgang und die Liebe zum Kruschteln, Handeln, Plaudern. Eine Beziehung auf Lebenszeit. Sein Blick sei firm und geübt, denn schließlich ist er früher Augenoptiker gewesen. „Passt doch! Um 17 Uhr stehen die Jugendlichen grad auf und um 23 Uhr ziehen sie weiter und ich geh ins Bett“, er lacht, „Nachtkonsum ist mehr als nur ein Flohmarkt, eher ein Event! Dafür kostet er auch drei Euro Eintritt“
Mr. und Mr. Nachtkonsum
Und während Stefan Schmidl die Standgebühr kassiert, kümmert sich Florian Liss am Einlass um die neuen Besucher. Sie sind die Organisatoren des „Nachtkonsums“. „Mehrere tausend“ zählt Florian an diesem Abend. Auf die Idee einen Nachtflohmarkt zu veranstalten, ist er mit Kommilitonen im Rahmen seines Soziologiestudiums vor über drei Jahren gekommen. Einiges hat sich geändert, das Motto „Trödel dich glücklich“ aber ist gleich geblieben. „Die Leute suchen nach eigenen Erlebnissen und wir fordern sie auf dabei, aktiv zu sein“ fügt Stefan hinzu. Das Konzept kommt an. In diesem Jahr expandierten sie nach Berlin und Stuttgart. Insgesamt waren es 18 Flohmärkte. Bisher.
Im hinteren Teil der Halle, wo das Hallendach niedriger wird und der Gesang von Theresa nur sanft tröpfelt, da sitzen die Zehentbauers. Großmutter, Tochter und Enkelin, vereint im generationenübergreifenden Verkaufsprojekt.
„Wir sind heute vor allem zum Ablenken hier, gell Oma?“, sagt Mama Zehentbauer und nimmt die 70-jährige Dame in den Arm.
Der etwas andere Abschied
Oma Zehentbauer lächelt. Von ihrem Verkaufstisch nimmt sie eine Alabasterschatulle, handgefertigt, emailliert, mit Goldrahmen. „Was ganz Edles!“ Das Lächeln verschwindet und eine Träne läuft über ihre faltige Wange. „Es ist schön hier zu dritt, aber eine fehlt“, sie atmet schwer. An diesem Morgen ist ihre Mutter gestorben. Für sie ist das jedoch kein Grund zuhause zu bleiben. Ablenken will sie sich auf dem Nachtflohmarkt. Dasitzen und zuschauen. „Wie auf einem Floß, auf dem man sich treiben lassen kann“. Auch das ist „Nachtkonsum“. Währenddessen streichen auf der Bühne Theresas Finger ein letztes Mal die Saiten ihrer E-Gitarre hinunter. Sie verabschiedet sich mit ihrem Chanson „A girl who said goodbye“ Und wenn beim „Nachtkonsum“ später die Lichter angehen, wummern sich draußen vor der „Tonhalle“ schon die lauten Bassboxen warm und entgegengesetzt des haargegelten und parfümierten Stromes, schlängeln sich dann wie die Zehentbauers, auch Paul, Andrea und die Heintje-Platte aus der Kulturfabrik und werden nicken und sagen: „Yeah, it was different!“ und wiederkommen.